Faktoren für eine positive Entwicklung

Die Entwicklung von Kindern mit einer Teilleistungsstörung kann je nach den Umständen im Einzelfall günstig oder ungünstig verlaufen. Ohne Unterstützung durch die Eltern und die Schule, schulische und außerschulische Förderung sowie Anwendung der schulischen Ausgleichsmaßnahmen nehmen Teilleistungsstörungen nicht selten einen negativen Verlauf.

Das Wichtigste ist, dass die Eltern dem betroffenen Kind unabhängig von der Teilleistungsstörung und seinen schulischen Leistungen eine unbedingte Wertschätzung, emotionale Sicherheit und Unterstützung entgegenbringen. Auf Seiten der Eltern selbst sind  Zuversicht und eine gewisse Distanz und Gelassenheit gegenüber der Problematik hilfreich.

Die Leistungsanforderungen sollten sich allein am Kind, dessen den Kompetenzen und Ressourcen sowie dessen individuellen Beeinträchtigungen orientieren und nicht an den Wünschen und Vorstellungen der Eltern.  Das gilt auch für die Schulwahl und für die Suche nach geeigneten Fördermaßnahmen.

Die Eltern sollten das Kind durch einen motivierenden Erziehungsstil unterstützen, ohne  dabei überhöhte  Leistungserwartungen zu haben, die das Kind noch mehr in die Versagerrolle treiben würde. Auch Vergleiche mit Gleichaltrigen sind zu vermeiden. Die betroffenen Kinder brauchen meist Unterstützung bei den Hausaufgaben, wobei lange quälende Hausaufgabensitzungen, abwertende Urteile, Vorwürfe  und Auseinandersetzungen auf jeden Fall zu vermeiden sind. Eine Absprache mit dem/der Fachlehrer*in über Art und Länge der Hausaufgaben ist hilfreich und entlastend.

Es ist auch Aufgabe der Eltern, die Kinder während der gesamten Schulzeit zu begleiten, sie emotional und praktisch zu unterstützen, sie immer wieder neu zu motivieren und ermutigen, trotz der zahlreichen Hürden, die sie im Laufe ihrer Schulzeit zu überwinden zu haben.

Je früher die Eltern auf die Teilleistungsprobleme ihres Kindes aufmerksam werden, desto eher kann ihm geholfen werden.

Hilfreich ist auch, sich  über die Teilleistungsproblematik, die schulischen Hilfen, wie  Förderung und Ausgleichmaßnahmen, außerschulische Fördermöglichkeiten und die Hilfestellungen, die die Eltern selbst leisten können, zu informieren.

Bei gravierenden Teilleistungsschwierigkeiten sollte eine fachärztliche Diagnostik zur Abklärung der gesamten Problematik durchgeführt werden.

Ein wichtiger Part der Eltern ist auch die Wahrnehmung der Interessen des Kindes gegenüber der Schule, die über die gesamte Schulzeit notwendig ist und immer wieder Gespräche mit Lehrkräften erfordert. Auch die Beantragung der Ausgleichsmaßnahmen  gehört dazu, sowie das Überprüfen, ob die Maßnahmen von den Lehrkräften auch tatsächlich im Interesse des Kindes angewendet werden.

Da die schulischen Fördermaßnahmen häufig nicht ausreichen, ist oft eine außerschulische Förderung dringend notwendig.

Die Schule ist ein zentraler Lebensraum für Kinder und Jugendliche. Für sie sind die Lehrer*innen wichtige Beziehungspersonen. Sie können den Schüler*innen Vertrauen und Sicherheit geben. Kinder lernen besser in vertrauensvoller und angstfreier Atmosphäre. Sie brauchen Wertschätzung, Akzeptanz und Verständnis für ihre Probleme. Gute Lehrer-Schüler-Beziehungen fördern Motivation, Lernen, Gedächtnisleistungen, Kreativität, Selbstständigkeit und Verantwortlichkeit.

Wichtig sind positive Rückmeldungen und Motivation, Unterstützung und Förderung im Rahmen der schulischen Möglichkeiten. Negative Einstellungen und Reaktionen, Bloßstellung, Demütigung dagegen senken die Leistungsfähigkeit, fördern Angst, Stressreaktionen, Gefühle von Minderwertigkeit und können zu Selbstwertverlust und psychischen und psychosomatischen Störungen führen.

Aufgabe der Lehrer*innen ist es den Blick auf erfolgreiche Leistungsbereiche und Fähigkeiten des/der Schülers*in zu haben und diese anzuerkennen.

Wichtig ist es auch, dass die Lehrkräfte die Klassengemeinschaft  über die Schwierigkeiten des/der betroffenen Mitschülers*in informieren, um bei den Klassenkameraden*innen Verständnis und die oft notwendige Unterstützung zu erwirken.

Die Lehrer*innen sollten über umfassende Kenntnisse zu Teilleistungsstörungen, der schulischen Ausgleichsmaßnahmen und der technischen Hilfsmittel verfügen.

Die  Schule hat die Eltern über Teilleistungsstörungen und notwendige häusliche Hilfestellungen umfassend zu informieren.

Aufgabe der Schule ist es qualifizierte Fachkräfte für Fördermaßnahmen zur Verfügung zu stellen.

Von Seiten der Politik und der Schulverwaltung müssen rechtliche Grundlagen geschaffen werden, damit Schüler*innen auch bei schlechten Lese-Rechtschreib- oder Rechenleistungen die schulische Laufbahn erfolgreich beenden können. Die Schule hat die rechtlich vorgeschriebenen Ausgleichsmaßnahmen korrekt im Interesse der betroffenen Schüler*innen umzusetzen. Dazu gehört auch der Einsatz von modernen technischen Hilfsmitteln.

Ein stabiles Selbstbewusstsein unabhängig von der Teilleistungsproblematik kann die betroffenen Kinder über viele Misserfolgserlebnisse hinweghelfen.

Eine aktive kämpferische Einstellung, Leistungsbereitschaft und Ausdauer können helfen die durch die Teilleistungsstörung bedingten erhöhten Anforderungen zu bewältigen. Die positive Selbsteinschätzung und Lernmotivation muss natürlich immer wieder durch die Eltern und Lehrkräfte unterstützt werden.

Wichtig sind Erfolgserlebnisse durch Fähigkeiten in anderen schulischen Bereichen die sich positiv auf das Gesamtselbstwertempfinden auswirken.

Positive außerschulische Erfahrungen, Interessen und Kompetenzen haben ebenfalls eine stabilisierende Wirkung. Aktivitäten, wie Sport, Musik oder Engagement in sozialen Bereichen, haben einen positiven Einfluss auf das Selbstbewusstsein und das Lernverhalten der Kinder. Es ermöglicht ihnen eine Kompensation ihrer schulischen Schwächen.

Günstig für die Entwicklung eines betroffenen Kindes ist es, wenn die Beeinträchtigungen früh erkannt werden, weniger ausgeprägt sind und wenn (noch) keine zusätzlichen psychischen und sozialen Probleme vorliegen.

Ein weiterer Stabilisierungs-Faktor ist die soziale Anerkennung und Unterstützung durch Mitschüler*innen und Gleichaltrige in und außerhalb der Schule.

Eine außerschulische Lerntherapie ist keine Nachhilfe, sondern eine individuell ausgerichtete Förderung der Lese-Rechtschreib- bzw. Rechenleistungen durch speziell dafür ausgebildete Fachkräfte.

Nach den Empfehlungen der S3-Leitlinien zu Diagnostik und Behandlung von Lese- und/oder Rechtschreibstörung bzw. Rechenstörungen der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie ist vorrangig eine individuell ausgerichtete Förderung, die an der in der Diagnostik festgestellten individuellen Teilleistungsproblematik ansetzt, erforderlich.

Die Fördermaßnahmen sollen in Einzelsitzungen oder in Kleingruppen bis zu 5 Personen durchgeführt werden. 

Meist ist eine mehrjährige, intensive Förderung orientiert an der individuellen Symptomatik erforderlich.

Die Behandlung soll durch speziell dazu ausgebildete Fachkräfte durchgeführt werden.

Die Förderung führt außer der Bearbeitung der spezifischen individuellen Defizite zum Erlernen von Bewältigungsstrategien,  zu einer Erhöhung der Lernmotivation und zu einer Steigerung des Selbstbewusstseins sowie zum  Abbau von Leistungsängsten.

Zu den Aufgaben der Fördertherapie gehören auch die Einbeziehung der Eltern in den therapeutischen Prozess und das Aufzeigen von unterstützenden Maßnahmen.

Wichtig ist außerdem die Kooperation mit den jeweiligen Fachlehrern*innen der Schule.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es bei jungen Menschen mit Teilleistungsstörungen neben tragischen Verläufen auch viele positive Entwicklungen gibt. Entscheidend dafür ist, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen die Anforderungen in der Schule und in der Ausbildung bewältigen können.  Dazu benötigen sie insbesondere die Unterstützung durch die Eltern, das Verständnis der Lehrkräfte für die Problematik, die Ausschöpfung der schulischen  Fördermöglichkeiten und der Ausgleichsmaßnahmen, sowie zusätzlich eine individuell ausgerichtete außerschulische Fördertherapie. Im Berufsleben verlieren die Teilleistungsschwierigkeiten oft an Bedeutung.

Der Beruf sollte so gewählt werden, dass die Beeinträchtigungen  nur eine unbedeutende Rolle spielen oder durch technische Hilfsmittel ausgeglichen werden können.

Landesverband Legasthenie und Dyskalkulie Baden-Württemberg e.V.